Linsen / Unter Ungewissheit handeln

Unter Ungewissheit handeln

Ungewissheitskontinuum
Erst klären, wie viel offen ist — dann das Werkzeug wählen.

Methodenstreit ist meistens ein Missverständnis: Business Planning, Lean Startup, Design Thinking und Effectuation sind keine konkurrierenden Schulen, sondern Werkzeuge für unterschiedliche Grade von Ungewissheit. Erst bestimmen, wie viel offen ist — dann das Werkzeug wählen.

  • 18 Minuten mitten im Ablauf, kein eigener Programmpunkt
  • 4 fertige Fragen zum Vorlesen — eine reicht
  • frei einsetzbar · nach Mauer / Faschingbauer
So fragst du die Gruppe

Nennt die drei wichtigsten Annahmen eures Vorhabens. Bei welcher davon könnt ihr die möglichen Ausgänge überhaupt aufzählen — und bei welcher wisst ihr nicht mal, was passieren könnte?

Eine von links oben nach rechts unten fallende Fläche über einer Zeitachse; darunter fünf aufeinanderfolgende Stufen, deren erste hervorgehoben ist
Unter Ungewissheit handeln18 Min

Worum es geht

Auf einer Achse steht links viel Ungewissheit und rechts wenig. Ganz links, wo weder Ziel noch Markt noch Weg feststehen, arbeitet man effectual: mit dem loslegen, was da ist. Rechts, wo Aufgabe und Rahmen klar sind, ist ein Plan das effizienteste Werkzeug der Welt. Design Thinking, Lean Startup und Geschäftsmodellarbeit liegen dazwischen. Der Modus wandert dabei von „erkunden“ zu „umsetzen“.

Mehr zum Hintergrund

Der praktische Wert steckt nicht in der Reihenfolge, sondern in der Diagnose davor. Die meisten Fehlgriffe in Organisationen sind Werkzeugfehler an der falschen Stelle der Achse: ein Businessplan über ein Vorhaben gelegt, bei dem noch niemand weiß, wer eigentlich der Kunde ist — oder umgekehrt eine Ideationswoche für eine Aufgabe, die längst entschieden war und nur noch Umsetzung braucht. Beides fühlt sich nach Arbeit an, beides erzeugt nichts.

Die Unterscheidung darunter ist die zwischen Risiko und Ungewissheit. Risiko heißt: Die möglichen Ausgänge sind bekannt, nur nicht welcher eintritt — dafür gibt es Wahrscheinlichkeiten, Erwartungswerte, Szenarien. Ungewissheit heißt: Die Ausgänge selbst sind unbekannt, es gibt keine Verteilung, über die man rechnen könnte. Wer diese beiden verwechselt, rechnet sich Sicherheit herbei, die es nicht gibt.

Die Achse trägt auch als Landkarte für ein Vorhaben über die Zeit: Was links beginnt, wandert mit jeder beantworteten Frage nach rechts. Ein Vorhaben, das nach zwei Jahren immer noch mit Effectuation-Werkzeugen bearbeitet wird, ist entweder wirklich noch offen — oder es weicht der Umsetzung aus. Auf Organisationsebene ist die Verlängerung die Ambidextrie-Frage: das Bestehende effizient betreiben und gleichzeitig Neues erkunden, was zwei verschiedene Werkzeugkästen und zwei verschiedene Erfolgsmaßstäbe verlangt.

So setzt du sie ein

Fünfzehn bis zwanzig Minuten, ganz am Anfang — bevor über Methoden, Formate oder Zeitpläne gesprochen wird. Genau dann, wenn im Raum Uneinigkeit über das Vorgehen herrscht. Gebraucht wird eine lange Fläche (Wand, Tisch, Board) und Zettel.

  1. 2 Min · aufbauenEine lange Linie ziehen. Links: „wir wissen fast nichts“. Rechts: „alles klar, nur noch machen“. Keine Methodennamen dranschreiben.
  2. 5 Min · stillJede:r schreibt die eigenen Vorhaben oder Teilfragen auf je einen Zettel.
  3. 6 Min · verortenZettel an die Linie hängen. Nur eine Regel: Wer einen Zettel weit rechts hängt, muss sagen können, woher er das weiß.
  4. 5 Min · erntenDie Zettel anschauen, bei denen die Gruppe uneins war. Genau dort steckt die eigentliche Arbeit — und die Antwort auf die Frage, welches Werkzeug als Nächstes dran ist.

Alle Fragen

  1. Nennt die drei wichtigsten Annahmen eures Vorhabens. Bei welcher davon könnt ihr die möglichen Ausgänge überhaupt aufzählen — und bei welcher wisst ihr nicht mal, was passieren könnte?
  2. Mit welchem Werkzeug arbeitet ihr gerade, und für welchen Grad von Ungewissheit ist es gebaut?
  3. Was müsste beantwortet sein, damit euer Vorhaben ein Stück nach rechts rutscht — und wer könnte das bis nächsten Monat beantworten?
  4. Woran würdet ihr merken, dass ihr die Erkundungsphase nur deshalb verlängert, weil Umsetzung unbequemer ist?

Wo es hakt

Die Achse verführt zur Methodendebatte. Sobald die Namen früh an der Linie stehen, verteidigt jede:r das Werkzeug, das sie am besten kann, und die Diagnose fällt aus — deshalb erst verorten, dann benennen. Zweite Falle: Ungewissheit wird gern nach unten geredet, weil sie unangenehm ist. Wenn nach einer Runde alle Zettel rechts hängen, war es keine ehrliche Runde. Und drittens: Die Linie ist eine Sortierhilfe, kein Reifegradmodell — links ist nicht unfertig und rechts nicht besser.

Herkunft und Rechtelage nach eigener Recherche mit den angegebenen Quellen — kein Rechtsrat. Ideen und Konzepte sind nicht schutzfähig, ihre konkrete Ausgestaltung schon; Marken schützen den Namen, nicht den Gedanken. Rechtelagen ändern sich: vor kommerzieller Nutzung selbst nachsehen.

Rechtelage: frei einsetzbar.