Interview-Leitfaden bauen
Den Leitfaden für Nutzer-Interviews im Team bauen: Erkenntnisziele klären, offene Fragen formulieren, Dramaturgie festlegen — damit die Feldphase echte Erkenntnisse liefert.
Auch bekannt als Leitfadeninterview, Interviewleitfaden, Gesprächsleitfaden.
- Dauer
- 30–60 Min
- Gruppe
- 2–10 Personen
- Phase
- Beobachten
- Anlass
- Nutzer & Zielgruppe verstehen
Wann Interview-Leitfaden bauen passt
Nimm sie, wenn …
- Vor der Feldphase, wenn mehrere Personen Interviews führen und vergleichbar fragen sollen.
- Wenn das Team bisher Meinungen abgefragt hat und Erlebnisse hören will.
Lass sie liegen, wenn …
- Du willst Zahlen. Dann ein Fragebogen; der Leitfaden ist für offene Gespräche.
- Ein einziges Gespräch morgen früh. Dann reichen drei gute Fragen auf einem Zettel.
Schritt für Schritt
Stell Zeit und Gruppengröße ein, der Ablauf rechnet mit. Im Agenda Maker passiert dasselbe, wenn du die Blockdauer änderst.
- 1Erkenntnisziele festlegen10 Min
3–4 Dinge, die wir nach den Interviews WISSEN wollen — nicht: Fragen, die wir stellen wollen.
- 2Fragen sammeln & aussieben10 Min
In Paaren je ein Erkenntnisziel befragen — dann zusammentragen und Dubletten mergen.
- 3Dramaturgie & Probelauf10 Min
Aufwärmen → Erzählen → Vertiefen → Abschluss. Einmal im Paar durchspielen — spätestens hier fliegen die Papierfragen auf.
Was du sagst
Was wollen wir aus den Gesprächen wissen? Schreibt das zuerst auf. Dann sammelt ihr offene Fragen dazu und sortiert sie in eine Reihenfolge, die sich wie ein Gespräch anfühlt.
Der Satz, mit dem du den Block eröffnest. In eckigen Klammern steht, was du mit deinem Thema füllst. Im Agenda Maker liegt er im Feld „Moderation".
Woran es in der Praxis hakt
- Geschlossene und Suggestivfragen („Fänden Sie es gut, wenn…?“) — jede Frage im Test: Lädt sie zum Erzählen ein oder zum Nicken?
- Fragen nach Meinungen statt nach Erlebnissen — „Erzählen Sie vom letzten Mal, als…“ schlägt „Was halten Sie von…“ um Längen.
- Der Leitfaden wird zur Checkliste abgearbeitet — er ist ein Spickzettel: Reihenfolge darf brechen, Nachfragen geht vor Vollständigkeit. Das gehört als Regel hinein.
Mehr zu Interview-Leitfaden bauen
Ein Interview-Leitfaden ist das Gerüst für ein offenes Gespräch: Er legt fest, was das Team nach den Interviews wissen will, und enthält die Fragen und die Reihenfolge, mit denen es dorthin kommt. Im Design Thinking entsteht er kurz vor der Feldphase, meist im selben Workshop, in dem das Team seine Design Challenge geschärft hat. Er sorgt dafür, dass mehrere Interview-Paare vergleichbar fragen und trotzdem Raum für das haben, was im Gespräch auftaucht.
Wo der Leitfaden im Prozess steht
Davor liegt die Frage, worum es überhaupt geht. Eine klar formulierte Design Challenge gibt die Richtung vor. Hilfreich ist auch eine kurze Bestandsaufnahme mit der KWL-Tabelle: Was wissen wir schon, was wollen wir wissen? Die mittlere Spalte liefert das Rohmaterial für die Erkenntnisziele. Wenn das Team schon eine Idee im Kopf hat, deckt der Annahmen-Check auf, welche Vermutungen in den Gesprächen geprüft werden sollten.
Danach wird der Leitfaden benutzt, im Explorativen Interview mit Menschen aus der Zielgruppe oder in gekürzter Form im Experteninterview. Er bleibt dabei in Bewegung: Nach den ersten zwei, drei Gesprächen merkt das Team, welche Fragen ins Leere laufen und welche Themen fehlen.
Bausteine einer guten Frage
Eine gute Interviewfrage holt einen bestimmten Moment zurück. „Wann hast du zuletzt …?“ führt zu einem konkreten Tag, mit Ort, Uhrzeit und Beteiligten. Von dort aus lässt sich weiterfragen.
Sehr ergiebig sind Bitten zum Zeigen: „Kannst du mir zeigen, wie du das machst?“ oder „Hast du das Formular noch da?“ Sie bringen Handgriffe ans Licht, die beim Erzählen untergehen.
Fragen nach Höhen und Tiefen öffnen die emotionale Seite: „Was war der beste Moment dabei? Und der schlimmste?“
Am Ende hilft eine Frage nach dem Wunsch, aus der Sicht der befragten Person: „Wenn du einen Zauberstab hättest, was wäre anders?“ Die Antwort verrät, was der Person wichtig ist.
Ein Beispiel-Leitfaden
Angenommen, ein Team einer Volkshochschule will verstehen, wie Erwachsene sich für einen Abendkurs entscheiden und ob sie ihn bis zum Ende besuchen. Das Erkenntnisziel lautet: Wir wollen wissen, was zwischen Anmeldung und dritter Kurswoche passiert. Der Leitfaden für ein Gespräch von rund 40 Minuten könnte so aussehen.
- Aufwärmen: Wie sieht ein normaler Wochentag bei dir aus, von der Arbeit bis zum Abend?
- Erzählen lassen: Erzähl mir von dem Kurs, für den du dich zuletzt angemeldet hast. Wie bist du darauf gekommen?
- Vertiefen: Wie war der erste Abend? Was hast du danach zu Hause erzählt? Gab es einen Abend, an dem du fast nicht hingegangen wärst? Was war da los?
- Zeigen lassen: Hast du noch die Anmeldebestätigung oder den Kalendereintrag? Zeig mal.
- Abschluss: Wenn du dir den nächsten Kurs ganz nach deinem Geschmack bauen könntest, was wäre anders? Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe und das du wichtig findest?
Neben jeder Frage steht im Leitfaden klein das Erkenntnisziel, zu dem sie gehört. So sieht die interviewende Person während des Gesprächs, welche Ziele schon abgedeckt sind.
Varianten für deine Lage
Viele Interview-Paare. Gebt allen dieselbe Kopie und eine kurze Einweisung. Wer abweicht, notiert neben der Frage, was er stattdessen gefragt hat.
Online-Gespräche. Plant am Anfang einen kurzen Technikcheck ein und fügt eine Bitte ein, die Umgebung zu zeigen. Mit geteiltem Bildschirm seht ihr dann, wie die Person arbeitet.
Wenig Zeit. Ein Erkenntnisziel und drei Fragen auf einer Karteikarte reichen für ein spontanes Gespräch auf dem Flur oder am Telefon.
Woran du einen guten Leitfaden erkennst
Er passt auf eine Seite. Jede Hauptfrage lässt sich einem Erkenntnisziel zuordnen. Kaum eine Frage lässt sich mit Ja oder Nein beantworten. Im Probelauf haben beide Personen im Paar mindestens einmal gestutzt und eine Formulierung geändert. Und wer den Leitfaden zum ersten Mal sieht, versteht nach einem Lesen, worum es in den Gesprächen geht.
Was du nach den Interviews mit dem Leitfaden machst
Legt nach jedem Gesprächstag den Leitfaden neben die Notizen. Welche Fragen haben Geschichten ausgelöst, welche nur kurze Antworten? Streicht oder ändert die schwachen und ergänzt, was in den Gesprächen neu aufgetaucht ist. Beim Research-Download helfen die Erkenntnisziele als Raster: Zu jedem Ziel sammelt das Team, was es gehört hat. Ziele, zu denen kaum etwas kam, zeigen, wo die nächste Runde ansetzen sollte.
Quellen
Häufige Fragen
Was gehört in einen Interview-Leitfaden?
Erkenntnisziele, offene Fragen nach Erlebnissen („Erzählen Sie vom letzten Mal, als …“), eine Dramaturgie von Aufwärmen über Erzählen bis Vertiefen und die Regel, dass Nachfragen vor Vollständigkeit geht.
Wie viele Fragen sollte ein Interview-Leitfaden haben?
Für ein Gespräch von 30 bis 45 Minuten reichen fünf bis acht Hauptfragen. Der Leitfaden ist ein Spickzettel; Nachfragen geht vor Vollständigkeit.
Passt dazu
Alternativen mit demselben Job
Fertige Abläufe, in denen die Methode steckt
Aus demselben Anlass
Fertige Design-Thinking-Abläufe von 90 Minuten bis zur Sprint-Woche: Design Thinking bei Facilitools. Alle Methoden in der Bibliothek.